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Antisemitismus wegen Auschwitz - Der Fall Moellemann

Autor: m.blumentritt@cl-hh.comlink.de (Martin Blumentritt) (2003-08-06 00:00:00)

Kommentar: Antisemitismus wegen Auschwitz

Eine Nachbetrachtung zum "Fall Moellemann"

von Thomas Haury

In den vergangenen Wochen hat sich in Deutschland - wieder einmal -
ein Lehrstueck ueber den hiesigen nachfaschistischen Antisemitismus
abgespielt, der sich vom Antisemitismus des 19. und der ersten Haelfte
des 20. Jahrhunderts absetzt. Letzterer stellte noch ein umfassendes
Weltbild dar: Alle als bedrohlich empfundenen Phaenomene der
anbrechenden kapitalistischen Moderne wurden einer weltweiten
Verschwoerung der Juden und deren verderblichem Wirken in Wirtschaft,
Politik und Kultur zur Last gelegt; die Vernichtung dieser "Feinde
aller Voelker" bildete den logischen Fluchtpunkt.

Nicht, dass es einen derartigen Antisemitismus als Welterklaerung nach
1945 nicht mehr gaebe. Grundlegend fuer den gegenwaertigen
Antisemitismus in Deutschland ist jedoch, dass durch die "deutsche
Tat Auschwitz" hierzulande das verloren ging, worauf jedes Beduerfnis
nach "nationaler Identitaet" konstitutiv angewiesen ist: die fraglose
Gewissheit, einer "guten Nation" anzugehoeren. Hieraus resultiert ein
starker Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit, der
nur allzu leicht in einen Antisemitismus "nicht trotz, sondern wegen
Auschwitz" muendet.

Dieser "sekundaere Antisemitismus" will nicht mehr die Welt in toto
erklaeren. Wohl aber macht er die Juden fuer den prekaeren Zustand der
"deutschen Identitaet" verantwortlich. Das schlechte nationalistische
Gewissen waehnt sich als leidendes Opfer, das verfolgt von juedischen
Schuldvorwuerfen gebeugten Hauptes durchs Leben gehen muesse. Der
sekundaere Antisemitismus wird spaetestens dann manifest und aggressiv,
wenn sich das Beduerfnis nach "Normalitaet" und "Schlussstrich" durch
Einspruch gerade von juedischer Seite bedroht sieht. Dann gilt es sich
"endlich" zu wehren gegen die rachsuechtigen und medienmaechtigen Juden
und deren "Moralkeule" Auschwitz.

Deshalb ist auch die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus
so verlockend: Die deutsche Vergangenheit wird bestens entsorgt,
indem die unschuldigen Opfer der Vergangenheit zu den schuldigen
Nazi-Taetern der Gegenwart erklaert werden, gegen die mit allen
gebotenen Mitteln vorgegangen werden muesse. Insbesondere die Neue
Linke leistete auf diesem Feld der Vergangenheitsbewaeltigung seit
Ende der 60er Jahre Pionierarbeit. Sie warf Israel einen "Holocaust"
und eine "Endloesung der Palaestinenserfrage" vor. Viele endeten
folgerichtig bei der Forderung: "Israel muss weg!"

Fuer diese Mechanismen bietet der Fall Moellemann neuerliches
Anschauungsmaterial: Der FDP-Vize sprach bereits im letzten Herbst
von einem israelischen "Staatsterrorismus", der "seine Soldateska im
Westjordanland von der Leine" lasse. Auf Kritik seitens des
Zentralrats der Juden reagierte er in typisch antisemitischer Manier
und erklaerte die Deutschen zu einem von Juden geknechteten Volk: "Aus
einem Gefuehl der Schuld heraus" traue sich niemand in Deutschland,
die Politik Israels zu kritisieren. "Die ganze Nation duckt bei
diesem Thema weg". Auch Aussenminister Fischer betreibe aus Angst eine
"liebdienerische Politik gegenueber Israel". Und wer jagt den
Deutschen soviel Angst ein? Die Medienmacht der Juden, personifiziert
in Michel Friedman: "Wer sich mit ihm im Fernsehen anlegt, wird zum
Antisemiten erklaert". Keinen Antisemitismus konnte der FDP-Vize
hingegen in den Aeusserungen des Ex-Gruenen und potenziellen Mitglieds
seiner Landtagsfraktion Karsli erkennen. Dieser hatte mehrfach von
"Nazim ethoden" Israels, einer drohenden "Vernichtung der
Palaestinenser" und einer weltweiten "zionistischen Lobby"
phantasiert, vor der selbst US-Praesident George Bush "staendig auf die
Knie fallen" wuerde. Entschuldbare "missratene Formulierungen" seien
dies, meinte Moellemann und konterte die heftige Kritik des
Zentralrates umgehend mit dem typischen antisemitischen Anwurf, die
Juden seien selbst schuld am Antisemitismus: Es habe "kaum jemand den
Antisemiten mehr Zulauf verschafft als Herr Sharon und in Deutschland
ein Herr Friedman mit seiner untoleranten, gehaessigen und
ueberheblichen Art".

Der nun folgenden Entruestung und dem Vorwurf des Antisemitismus
trotzte Moellemann in populistischer Heldenpose: Er werde trotz der
"oeffentlichen Hetzjagd" vor dem Juden Friedman "nicht kriechen",
sondern weiterhin das aussprechen, was alle Deutschen daechten.
Mochten die E-Mails auf seiner Homepage vor antisemitisch-
nationalistischem Ressentiment strotzen - Moellemann berief sich stolz
auf die Woge der Zustimmung des "ganzen Volkes in ganz Deutschland",
die ihn umbrande.

Heftige Israelkritik, die Verteidigung antisemitischer Aeusserungen,
das Stereotyp von der juedischen Medienmacht, die den Deutschen
Schuldgefuehle einrede und jede offene Meinungsaeusserung des "Volkes"
ueber Israel unterdruecke, die perfide antisemitische
Legitimationsfigur, die Juden seien selbst schuld, die
Selbstdarstellung als verfolgte Unschuld, die nur der unterdrueckten
Stimme des Volkes Ausdruck verleihe - bei Moellemann findet sich nicht
nur ein veritabler sekundaerer Antisemitismus, sondern er ist der
erste etablierte Politiker im Nachkriegsdeutschland, der diesen aus
Machtkalkuel ueber Wochen hinweg propagierte und bediente.


Weitaus offenere Worte zu Israel findet noch der Newsletter der von
Moellemann praesidierten Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Hier finden
sich Monat fuer Monat antisemitische Tiraden: In Deutschland
veranstalte eine "wie auf Fernsteuerung sich empoerende Presse" eine
"Hexenverfolgung" gegen alle Israelkritiker, die "gewaehlten
Politclaqueure" in Berlin seien "geistige Lakaien", die staendig
"Ergebenheitsadressen nach Tel Aviv senden". Dort fuehre eine
"Totschlaegerregierung" einen "Vernichtungskrieg gegen das
palaestinensische Volk". Die israelische "Vernichtungs- und
Toetungsmaschinerie" ziele auf eine "ethnische Saeuberung", um die
Westbank "palaestinenserfrei" zu machen. Da muessen Deutsche leider das
Todesurteil faellen: "Israel hat jeden Kredit verspielt" und ginge
nunmehr "vollends seiner physischen Rechtfertigung verlustig". Besser
kann man den "Antisemitismus wegen Auschwitz" nicht zu Ende denken.

Thomas Haury ist Soziologe und lebt in Freiburg.


mfg Martin Blumentritt

Homepage: <http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt>;

"Die grosse Mehrheit des deutschen Volkes entschied einst,
Millionen von Juden zu toeten, und jeder von uns koennte denken, dass sie -
wenn sie wieder die Gelegenheit dazu haetten und das staerkste Land in
Europa und vielleicht in der Welt wuerden - es noch einmal versuchen
koennten."(Jitzchak Schamir)

Kein Volk * Kein Fuehrer * Kein Vaterland * Logout Fascism
Wer von Israel sprechen will, darf von Auschwitz nicht schweigen.

Autor: m.blumentritt@cl-hh.comlink.de (Martin Blumentritt) (2003-08-06 00:00:00)




Autor: m.blumentritt@cl-hh.comlink.de (Martin Blumentritt) (2003-08-06 00:00:00)

Kommentar: Antisemitismus wegen Auschwitz

Eine Nachbetrachtung zum "Fall Moellemann"

von Thomas Haury

In den vergangenen Wochen hat sich in Deutschland - wieder einmal -
ein Lehrstueck ueber den hiesigen nachfaschistischen Antisemitismus
abgespielt, der sich vom Antisemitismus des 19. und der ersten Haelfte
des 20. Jahrhunderts absetzt. Letzterer stellte noch ein umfassendes
Weltbild dar: Alle als bedrohlich empfundenen Phaenomene der
anbrechenden kapitalistischen Moderne wurden einer weltweiten
Verschwoerung der Juden und deren verderblichem Wirken in Wirtschaft,
Politik und Kultur zur Last gelegt; die Vernichtung dieser "Feinde
aller Voelker" bildete den logischen Fluchtpunkt.

Nicht, dass es einen derartigen Antisemitismus als Welterklaerung nach
1945 nicht mehr gaebe. Grundlegend fuer den gegenwaertigen
Antisemitismus in Deutschland ist jedoch, dass durch die "deutsche
Tat Auschwitz" hierzulande das verloren ging, worauf jedes Beduerfnis
nach "nationaler Identitaet" konstitutiv angewiesen ist: die fraglose
Gewissheit, einer "guten Nation" anzugehoeren. Hieraus resultiert ein
starker Wunsch nach Entlastung von der deutschen Vergangenheit, der
nur allzu leicht in einen Antisemitismus "nicht trotz, sondern wegen
Auschwitz" muendet.

Dieser "sekundaere Antisemitismus" will nicht mehr die Welt in toto
erklaeren. Wohl aber macht er die Juden fuer den prekaeren Zustand der
"deutschen Identitaet" verantwortlich. Das schlechte nationalistische
Gewissen waehnt sich als leidendes Opfer, das verfolgt von juedischen
Schuldvorwuerfen gebeugten Hauptes durchs Leben gehen muesse. Der
sekundaere Antisemitismus wird spaetestens dann manifest und aggressiv,
wenn sich das Beduerfnis nach "Normalitaet" und "Schlussstrich" durch
Einspruch gerade von juedischer Seite bedroht sieht. Dann gilt es sich
"endlich" zu wehren gegen die rachsuechtigen und medienmaechtigen Juden
und deren "Moralkeule" Auschwitz.

Deshalb ist auch die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus
so verlockend: Die deutsche Vergangenheit wird bestens entsorgt,
indem die unschuldigen Opfer der Vergangenheit zu den schuldigen
Nazi-Taetern der Gegenwart erklaert werden, gegen die mit allen
gebotenen Mitteln vorgegangen werden muesse. Insbesondere die Neue
Linke leistete auf diesem Feld der Vergangenheitsbewaeltigung seit
Ende der 60er Jahre Pionierarbeit. Sie warf Israel einen "Holocaust"
und eine "Endloesung der Palaestinenserfrage" vor. Viele endeten
folgerichtig bei der Forderung: "Israel muss weg!"

Fuer diese Mechanismen bietet der Fall Moellemann neuerliches
Anschauungsmaterial: Der FDP-Vize sprach bereits im letzten Herbst
von einem israelischen "Staatsterrorismus", der "seine Soldateska im
Westjordanland von der Leine" lasse. Auf Kritik seitens des
Zentralrats der Juden reagierte er in typisch antisemitischer Manier
und erklaerte die Deutschen zu einem von Juden geknechteten Volk: "Aus
einem Gefuehl der Schuld heraus" traue sich niemand in Deutschland,
die Politik Israels zu kritisieren. "Die ganze Nation duckt bei
diesem Thema weg". Auch Aussenminister Fischer betreibe aus Angst eine
"liebdienerische Politik gegenueber Israel". Und wer jagt den
Deutschen soviel Angst ein? Die Medienmacht der Juden, personifiziert
in Michel Friedman: "Wer sich mit ihm im Fernsehen anlegt, wird zum
Antisemiten erklaert". Keinen Antisemitismus konnte der FDP-Vize
hingegen in den Aeusserungen des Ex-Gruenen und potenziellen Mitglieds
seiner Landtagsfraktion Karsli erkennen. Dieser hatte mehrfach von
"Nazim ethoden" Israels, einer drohenden "Vernichtung der
Palaestinenser" und einer weltweiten "zionistischen Lobby"
phantasiert, vor der selbst US-Praesident George Bush "staendig auf die
Knie fallen" wuerde. Entschuldbare "missratene Formulierungen" seien
dies, meinte Moellemann und konterte die heftige Kritik des
Zentralrates umgehend mit dem typischen antisemitischen Anwurf, die
Juden seien selbst schuld am Antisemitismus: Es habe "kaum jemand den
Antisemiten mehr Zulauf verschafft als Herr Sharon und in Deutschland
ein Herr Friedman mit seiner untoleranten, gehaessigen und
ueberheblichen Art".

Der nun folgenden Entruestung und dem Vorwurf des Antisemitismus
trotzte Moellemann in populistischer Heldenpose: Er werde trotz der
"oeffentlichen Hetzjagd" vor dem Juden Friedman "nicht kriechen",
sondern weiterhin das aussprechen, was alle Deutschen daechten.
Mochten die E-Mails auf seiner Homepage vor antisemitisch-
nationalistischem Ressentiment strotzen - Moellemann berief sich stolz
auf die Woge der Zustimmung des "ganzen Volkes in ganz Deutschland",
die ihn umbrande.

Heftige Israelkritik, die Verteidigung antisemitischer Aeusserungen,
das Stereotyp von der juedischen Medienmacht, die den Deutschen
Schuldgefuehle einrede und jede offene Meinungsaeusserung des "Volkes"
ueber Israel unterdruecke, die perfide antisemitische
Legitimationsfigur, die Juden seien selbst schuld, die
Selbstdarstellung als verfolgte Unschuld, die nur der unterdrueckten
Stimme des Volkes Ausdruck verleihe - bei Moellemann findet sich nicht
nur ein veritabler sekundaerer Antisemitismus, sondern er ist der
erste etablierte Politiker im Nachkriegsdeutschland, der diesen aus
Machtkalkuel ueber Wochen hinweg propagierte und bediente.


Weitaus offenere Worte zu Israel findet noch der Newsletter der von
Moellemann praesidierten Deutsch-Arabischen Gesellschaft. Hier finden
sich Monat fuer Monat antisemitische Tiraden: In Deutschland
veranstalte eine "wie auf Fernsteuerung sich empoerende Presse" eine
"Hexenverfolgung" gegen alle Israelkritiker, die "gewaehlten
Politclaqueure" in Berlin seien "geistige Lakaien", die staendig
"Ergebenheitsadressen nach Tel Aviv senden". Dort fuehre eine
"Totschlaegerregierung" einen "Vernichtungskrieg gegen das
palaestinensische Volk". Die israelische "Vernichtungs- und
Toetungsmaschinerie" ziele auf eine "ethnische Saeuberung", um die
Westbank "palaestinenserfrei" zu machen. Da muessen Deutsche leider das
Todesurteil faellen: "Israel hat jeden Kredit verspielt" und ginge
nunmehr "vollends seiner physischen Rechtfertigung verlustig". Besser
kann man den "Antisemitismus wegen Auschwitz" nicht zu Ende denken.

Thomas Haury ist Soziologe und lebt in Freiburg.


mfg Martin Blumentritt

Homepage: <http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt>;

"Die grosse Mehrheit des deutschen Volkes entschied einst,
Millionen von Juden zu toeten, und jeder von uns koennte denken, dass sie -
wenn sie wieder die Gelegenheit dazu haetten und das staerkste Land in
Europa und vielleicht in der Welt wuerden - es noch einmal versuchen
koennten."(Jitzchak Schamir)

Kein Volk * Kein Fuehrer * Kein Vaterland * Logout Fascism
Wer von Israel sprechen will, darf von Auschwitz nicht schweigen.