Autor: m.blumentritt@cl-hh.comlink.de (Martin Blumentritt) (2008-01-28 00:00:00)
"... das, was deutsch ist - ist keine fixe Eigenschaft, die sich
positiv mit mentalitäts- oder kulturgeschichtlichen Spekulationen
beschreiben ließe, sondern eine politökonomische Konstellation: eine
kapitalistische Vergesellschaftung, die aus der Not historischer
Verspätung eine Tugend macht und worin der das säumige Bürgertum
substituierende Staat sich zugleich an die Spitze einer
antibürgerlichen, antisemitischen Volksbewegung setzt und
schließlich
mit der Gesellschaft zu einem massenmörderischer Aktion gegen Juden
sich definierenden gesellschaftenlichen Massenracket verschmilzt.
Diese Konstellation kann deshalb deutsch genannt werden, weil sie
hierzulande zuerst sich etabliert hat und ihre bestialischen
Potentiale voll entfalten konnte - aber sie ist an sich selbst kein
historisch oder territorial eingrenzbares Phänomen, sondern
entspringt der konstitutiven Pathologie kapitalistischer
Krisenbewältigung und hat den Wirkungskreis ihre vormaligen
Exekuturen überschritten. (...) Revolutionäre Kritik bedeutet
notwendig die Gegnerschaft zum organisierten Deutschtum - egal, ob
dieser unter völkischer oder islamischer Fahne auftritt, egal, ob es
in Sebnitz oder Ramallah, in Lübeck oder New York sein
terroristisches Unwesen treibt. Eine jede Staatskritik wird daran zu
messen sein, ob sie mit dem Staat Israel, jene prekäre
Nothilfmaßnahme gegen antisemitische Raserei, sich bedingungslos
solidarisch erklärt, was die Solidarität mit dessen bewaffneter
Selbstverteidigung selbstverständlich einschließt. Vom
Antisemitismus
sollte schweigen, wer von seiner geopolitischen Reproduktion im
Antizionismus nicht reden mag. Und jede Kritik am Kapital ist daran
zu messen, ob sie als theoretisches Zentrum, dessen negative
Selbstaufhebung in manifester Barbarei als eine wiederholbare
Konstellation auf den Begriff zu bringen vermag und zum Angelpunkt
der Agitation macht."(C.Nachtmann, Krisenbewältigung ohne Ende. in:
Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum
demokratischen Faschismus, S.44)
Erläuterungen für die, die es immer noch nicht kapiert haben:
Deutsch ist die historisch in Deutschland zuerst aufgetretende (daher
deutsche) politökonomische Konstellation, die sich daraus ergab, daß
es kein liberales Bürgertum gab, das antietatistische Momente gegen
den Staat setzte, die die irrationale Gewalt des Souveräns begrenzte,
sondern staatgetreu war, im Gegensatz zur z.B. staatsfeindlichen
Tendenz in den USA. Während in anderen Ländern das Bürgertum
dabei
war, den Staat des Ancien Regime auszuschalten, hatte das Bürgertum
ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Staat. Daher hob es - im
Nationalsozialismus - die Trennung von Staat und bürgerlicher,
liberaler Gesellschaft von Anfang an auf und der
faschistische Staat durchdrang die Gesellschaft, so daß man - im
Gegensatz zum italienischen Normalfaschismus - vom Radikalfaschismus
sprechen muß, ein Faschismus von unten, der die Bevölkerung zum
"Volk" homogenisierte. Und genau diese "deutsche Ideologie"
- seit
Marx kritisiert - ist es, die Kritikgegenstand antideutscher Kritik
ist. Prodeutsch ist also jemand, der diese - historisch zuerst in
Deutschland entstandene - politökonomische Konstellation bejaht. Dies
ist in Deutschland massenweise der Fall bei der Mehrheit der
Bevölkerung, ihre aggressive, mörderische Tendenz wird bei Nazis wie
Bügel nur kenntlich. Da Rechtsaußenseiter in der BRD keinerlei Macht
oder auch nur Chancen haben, etwas auszurichten, geht die ihre Gefahr
nicht von ihnen selbst aus, sondern von den Reaktionweisen der Mitte
des herrschenden Systems. Die antideutsche Kritik ist also, wenn man
sie begriffen hat, weder nationalistisch (im Sinne eines negativen
Nationalismus) noch rassistisch (da man gegen eine Bevölkerungsgruppe
etwas hätte), noch behauptet sie, daß in actu die
Bevölkerungsmehrheit
aus Nazis mit geschlossenen Weltbild bestünde, wie das Dummköpfe
meist unterstellen, die nur eine oberflächliche Kenntnis
antideutscher Kritik haben. Sie kritisiert ein bestimmtes
Allgemeines, das alle - nolens volens - bestimmt, eben eine bestimmte
politökonomische Komplexion, eine bestimmte Konstellation von Staat
und Gesellschaft, die eine bestimmte Tendenz aufweist, die schon
einmal zum Nationalsozialismus führte und die auch unabhängig vom
geographischen Ort existiert. Der Ausdruck, "etwas denkt in den
Deutschen", eine Formulierung die Ignatz Bubis von Hans-Werner
Faßbinder aufgriff, würde mißverstanden, interpretierte man
sie
sozialnominalistisch - als Summe des Denkens der Individuen - sondern
sie ist als das herrschende Allgemeine zu verstehen, daß sich
tendenziell durchsetzt, wird nichts dem entgegengesetzt. Der
Inbegriff des Entgegenzusetzende kann als antideutsch bezeichnet
werden.
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"Hasse Deinen Nächsten wie Dich selbst"(Prodeutsches Gebot)