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Deutsch-Jüdisches Patientenkollektiv

Autor: m.blumentritt@cl-hh.comlink.de (Martin Blumentritt) (2005-03-19 00:00:00)

SPIEGEL ONLINE - 17. März 2005, 17:54
URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,346968,00.html

40 Jahre Deutschland und Israel

Eine schrecklich normale Beziehung

Von Henryk M. Broder

Dafür, dass es keine Liebesheirat war, steht es um die Zweckehe
zwischen Deutschen und Israelis nicht schlecht: Man hat sich eben
aneinander gewöhnt. Auf der Leipziger Buchmesse wird das 40-jährige
Bestehen der Beziehungen jetzt festlich begangen.

Eine Ehe ist eine Verbindung, die geschlossen wurde, um die Probleme
gemeinsam zu bewältigen, die Frau und Mann nicht lösen müssten, wenn
sie nicht geheiratet hätten. Gleiches gilt auch für
deutsch-israelischen Beziehungen. Weil sie vor 40 Jahren aufgenommen
wurden, müssen nun immerzu die Probleme diskutiert und bewältigt
werden, die es nicht geben würde, wenn das Verhältnis nicht auf eine
formale Basis gestellt worden wäre.

Keine Liebesheirat

Denn es war keine Liebesheirat, nicht einmal eine "Ehe light",
sondern ein Geschäft zum gegenseitig Nutzen: Deutschland wollte sich
von seiner Vergangenheit rehabilitieren und der Welt beweisen, dass
es wieder mit Juden anständig umgehen kann, Israel brauchte einen
starken Verbündeten in Europa, den es unter Hinweis auf seine
Geschichte bei Bedarf unter Druck setzen konnte.

Seitdem ist von den "besonderen Beziehungen" die Rede und es haben
sich die immer gleichen Rituale eingespielt. Jeder deutsche
Politiker, der nach Israel kommt, besucht erst einmal die
Gedenkstätte Jad Vaschem, zeigt sich angemessen erschüttert, als
hätte er bis dahin nichts vom Holocaust gehört, und schreibt ins
Gästebuch: "So etwas darf nie wieder passieren!"

Jeder israelische Politiker, der nach Deutschland kommt, fährt als
erstes nach Dachau oder Buchenwald, zeigt sich angemessen
erschüttert, als hätte er bis dahin nichts von den Nazis gehört, legt
einen Kranz nieder und schreibt ins Gästebuch: "So etwas darf nie
wieder passieren!" Egal ob Jerusalem oder Berlin, hinterher geht man
miteinander essen und schließt Verträge über wissenschaftliche und
wirtschaftliche Zusammenarbeit ab. Business as usual.

Beinahe anormal normal


Und wenn nicht gebetsmühlenartig ständig die Rede von den "besonderen
Beziehungen" wäre, würde vielleicht zwischendurch auffallen, wie
normal die Beziehungen inzwischen geworden sind, beinah anormal
normal. Man kann im Sommer keinen Supermarkt in Berlin betreten, ohne
Menschen zu treffen, die miteinander hebräisch reden. An der
Strandpromenade in Tel Aviv stößt man auf Touristen, die keine
Hemmungen haben, ihr Bier auf Deutsch zu bestellen, wie sie es auch
in Mallorca und Alicante tun. Der Tourismus, der Handel, der
wissenschaftliche Austausch - alles klappt.

Deutsche kommen nach Israel, um zum Judentum zu konvertieren,
Israelis kommen nach Deutschland, um hier in deutscher Geschichte zu
promovieren. "Kritische Israelis" wie Uri Avneri, Moshe Zimmermann,
Moshe Zuckermann und Felicja Langer haben in der Bundesrepublik eine
zweite Heimat gefunden und werden mit Ehren überhäuft. Umgekehrt
können die Israelis nicht genug bekommen von den Sex-Filmen auf Sat.1
und den Dokumentationen auf 3sat, die im israelischen Kabel angeboten
werden.

Man hat sich eben aneinander gewöhnt

Schutzwall in der West-Bank: Aufschrei in Deutschland

Was also ist das Besondere an den ganz normalen Beziehungen, von den
Beschwörungen des Besonderen einmal abgesehen? Es ist in der Tat ein
wenig so wie zwischen Eheleuten, die immer wieder Darling oder Liebes
zueinander sagen, um sich auch nach 40 Jahren Ehe ihre tiefe Liebe zu
versichern, die voneinander nicht loskommen, obwohl sie längst in
getrennten Betten schlafen. Man hat sich eben aneinander gewöhnt.
Etwas Leben kommt erst dann in die tägliche Sülze, wenn man sich
gemeinsam über irgendetwas aufregen kann.

So ist es auch mit den Deutschen und den Israelis. Als ein leicht
angetrunkener deutscher Musiker vor Jahren eine Rechnung in einer Tel
Aviver Hotelbar mit "Heil Hitler!" unterschrieb, rastete halb
Deutschland vor Entsetzen aus. Hätte der Mann eine Handvoll Afrikaner
in Cottbus durch die Stadt gejagt, wäre er mit einem Verweis davon
gekommen, so aber wurde er regelrecht geschlachtet. Denn es geschah
in Tel Aviv und der Boden der deutschen Geschichte reicht bis in den
Nahen Osten. Die "Bild"-Zeitung entschuldigte sich im Namen aller
Deutschen: Nie wieder sollte vom deutschen Boden ein blöder Witz
ausgehen.

Umgekehrt geht in Israel jedes Mal die wilde Wutz ab, wenn Daniel
Barenboim versucht, dort Musik von Wagner zu spielen. Die Israelis
fahren VW und Mercedes, benutzen Siemens und AEG-Geräte, viele würden
gerne einen deutschen Zweitpass haben, aber Wagner - das geht zu
weit! Das symbolische Ressentiment konzentriert sich auf einen
irrelevanten Punkt: so lange Wagner in Israel nicht gespielt wird
(nicht im Konzert, im Radio schon lange), hat man sich mit
Deutschland nicht arrangiert. So ticken auch deutsche
Friedensfreunde, die aus Solidarität mit den Palästinensern keine
Jaffa-Orangen kaufen. Nur dass auf ihren PCs, über die sie ihre
Boykottaufrufe verschicken, Software läuft, die in Israel entwickelt
wurde, das haben sie noch nicht mitbekommen.

"Wir haben aus der Geschichte gelernt. Ihr nicht!"

Ein wenig anormal ist die Normalität schon. Beide Seiten lieben es,
der anderen die gelbe Karte zu zeigen. Als ob es keine Probleme mehr
daheim gäbe, fordert das israelische Parlament die Regierung der
Bundesrepublik auf, die NPD zu verbieten. Eine Super-Idee, über die
am besten gleich ein israelischer Amtsrichter entscheiden sollte.

Nicht minder komisch und kindisch war auch die Art, wie Jürgen W.
Möllemann seinen letzten Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen führte: als
würde er für das Parlament in Jerusalem und nicht in Berlin
kandidieren und als wäre Ariel Scharon sein wichtigster Konkurrent.

Wie sehr es unter der Oberfläche brodelt, merkt man immer dann, wenn
die Deutschen gegenüber Israel ihren letzten Triumph ausspielen: "Wir
haben aus der Geschichte gelernt! Ihr nicht! Deswegen sagen wir jetzt
euch, wos lang geht!"


Termine auf der Buchmesse

Die deutsch-israelischen Beziehungen sind ein Schwerpunkt der
diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Am Donnerstag, dem 17. März diskutieren der israelische
Schriftsteller David Grossman, die Schriftstellerinnen Mirjam
Pressler und Eva Menasse, der ehemalige israelische Botschafter in
Deutschland, Avi Primor, und der Mit-Herausgeber der "Zeit", Josef
Joffe, mit 3sat-Moderator Ernst A. Grandits im Rahmen eines
"Kulturzeit"-Spezials mit dem Titel: 40 Jahre deutsch-israelische
Beziehungen: Erwartungen damals - Perspektiven heute".

Beim offiziellen Festakt am Freitag, dem 18. März im Leipziger
Bundesverwaltungsgericht werden Bundesaußenminister Joschka Fischer
und der Botschafter des Staates Israel, Shimon Stein über das
Verhältnis zwischen den beiden Ländern sprechen. So war es, als
deutsche Friedensfreunde den Israelis, die mit Gasmasken in Kellern
hockten, den dringenden Rat gaben, "die Situation nicht eskalieren zu
lassen" und auf die aus dem Irak anfliegenden Scud-Raketen nicht zu
reagieren. Und so war es auch, als Israel beschloss, die
Bewegungsfreiheit palästinensischer Terroristen einzuschränken und
eine Mauer zu bauen. Da schrieen alle in Deutschland auf, die sich
mit der deutschen Mauer zurzeit ihres Bestehens abgefunden hatten und
am 9. November 1989 von der Geschichte kalt erwischt wurden. Israel,
so konnte man es überall hören und lesen, sollte doch "gelassener"
mit dem Terrorismus umgehen und die Fehler vermeiden, die man in
Deutschland hinter sich hatte.

Doch abseits solcher Ausbrüche ist das deutsch-israelische
Verhältnis ungetrübt - vor allem, wenn man bedenkt, dass nach der
letzten Allensbach-Umfrage nur noch 25 Prozent aller Deutschen
Israel "für die größte Bedrohung für den Frieden in der Welt"
halten. Es waren schon mal über 50 Prozent.

+ SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten


mfg Martin Blumentritt

Homepage: http://www.martinblumentritt.de/

"Jude sein heißt, sich ständig der Endlösung als einer Wirklichkeit
von gestern und einer Möglichkeit von morgen bewußt zu sein."(Jean
Améry)
--
Kein Volk * Kein Führer * Kein Vaterland * Logout Fascism
Wer von Israel sprechen will, darf von Auschwitz nicht schweigen.

Autor: "A.M.G." (2005-03-19 19:06:12)

"Martin Blumentritt" schrieb im Newsbeitrag
news:9T8PHsewl4B.m.blumentritt@comlink.de...
> SPIEGEL ONLINE - 17. März 2005, 17:54
> URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,346968,00.html
>
> 40 Jahre Deutschland und Israel
>
> Eine schrecklich normale Beziehung
>
> Von Henryk M. Broder
>
> Dafür, dass es keine Liebesheirat war, steht es um die Zweckehe
> zwischen Deutschen und Israelis nicht schlecht: Man hat sich eben
> aneinander gewöhnt. Auf der Leipziger Buchmesse wird das 40-jährige
> Bestehen der Beziehungen jetzt festlich begangen.
>
> Eine Ehe ist eine Verbindung, die geschlossen wurde, um die Probleme
> gemeinsam zu bewältigen, die Frau und Mann nicht lösen müssten, wenn
> sie nicht geheiratet hätten. Gleiches gilt auch für
> deutsch-israelischen Beziehungen. Weil sie vor 40 Jahren aufgenommen
> wurden, müssen nun immerzu die Probleme diskutiert und bewältigt
> werden, die es nicht geben würde, wenn das Verhältnis nicht auf eine
> formale Basis gestellt worden wäre.
>
> Keine Liebesheirat
>
> Denn es war keine Liebesheirat, nicht einmal eine "Ehe light",
> sondern ein Geschäft zum gegenseitig Nutzen: Deutschland wollte sich
> von seiner Vergangenheit rehabilitieren und der Welt beweisen, dass
> es wieder mit Juden anständig umgehen kann, Israel brauchte einen
> starken Verbündeten in Europa, den es unter Hinweis auf seine
> Geschichte bei Bedarf unter Druck setzen konnte.

Es war und ist immer noch ein Geschäft, um Deutschland unter Druck zu
setzen. Ich möchte nicht die Milliarden zählen, die Deutschland in den
letzten 40 Jahren bezahlt hat - und immer wieder kommen neue Forderungen.
Deutschland bezahlt - aber von diesem Geld hätte man inzwischen schon zwei
Länder in der Größe Israels neu errichten können.

> Seitdem ist von den "besonderen Beziehungen" die Rede und es haben
> sich die immer gleichen Rituale eingespielt. Jeder deutsche
> Politiker, der nach Israel kommt, besucht erst einmal die
> Gedenkstätte Jad Vaschem, zeigt sich angemessen erschüttert, als
> hätte er bis dahin nichts vom Holocaust gehört, und schreibt ins
> Gästebuch: "So etwas darf nie wieder passieren!"

Die Politiker, die Jad Vaschem besuchen, sind dann umringt von einer großen
Zahl alter Mütterchen und alter Männer, vorsorglich hingekarrt wurden und
die dann krampfhaft auf Befehl ein paar Tränen zerdrücken müssen.

> Jeder israelische Politiker, der nach Deutschland kommt, fährt als
> erstes nach Dachau oder Buchenwald, zeigt sich angemessen
> erschüttert, als hätte er bis dahin nichts von den Nazis gehört, legt
> einen Kranz nieder und schreibt ins Gästebuch: "So etwas darf nie
> wieder passieren!" Egal ob Jerusalem oder Berlin, hinterher geht man
> miteinander essen und schließt Verträge über wissenschaftliche und
> wirtschaftliche Zusammenarbeit ab. Business as usual.

... und verhandelt und feilscht um neue Zahlungen aus Deutschland.

Anna
.

Autor: "A.M.G." (2005-03-19 19:06:12)




Autor: "A.M.G." (2005-03-19 19:06:12)

"Martin Blumentritt" schrieb im Newsbeitrag
news:9T8PHsewl4B.m.blumentritt@comlink.de...
> SPIEGEL ONLINE - 17. März 2005, 17:54
> URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,346968,00.html
>
> 40 Jahre Deutschland und Israel
>
> Eine schrecklich normale Beziehung
>
> Von Henryk M. Broder
>
> Dafür, dass es keine Liebesheirat war, steht es um die Zweckehe
> zwischen Deutschen und Israelis nicht schlecht: Man hat sich eben
> aneinander gewöhnt. Auf der Leipziger Buchmesse wird das 40-jährige
> Bestehen der Beziehungen jetzt festlich begangen.
>
> Eine Ehe ist eine Verbindung, die geschlossen wurde, um die Probleme
> gemeinsam zu bewältigen, die Frau und Mann nicht lösen müssten, wenn
> sie nicht geheiratet hätten. Gleiches gilt auch für
> deutsch-israelischen Beziehungen. Weil sie vor 40 Jahren aufgenommen
> wurden, müssen nun immerzu die Probleme diskutiert und bewältigt
> werden, die es nicht geben würde, wenn das Verhältnis nicht auf eine
> formale Basis gestellt worden wäre.
>
> Keine Liebesheirat
>
> Denn es war keine Liebesheirat, nicht einmal eine "Ehe light",
> sondern ein Geschäft zum gegenseitig Nutzen: Deutschland wollte sich
> von seiner Vergangenheit rehabilitieren und der Welt beweisen, dass
> es wieder mit Juden anständig umgehen kann, Israel brauchte einen
> starken Verbündeten in Europa, den es unter Hinweis auf seine
> Geschichte bei Bedarf unter Druck setzen konnte.

Es war und ist immer noch ein Geschäft, um Deutschland unter Druck zu
setzen. Ich möchte nicht die Milliarden zählen, die Deutschland in den
letzten 40 Jahren bezahlt hat - und immer wieder kommen neue Forderungen.
Deutschland bezahlt - aber von diesem Geld hätte man inzwischen schon zwei
Länder in der Größe Israels neu errichten können.

> Seitdem ist von den "besonderen Beziehungen" die Rede und es haben
> sich die immer gleichen Rituale eingespielt. Jeder deutsche
> Politiker, der nach Israel kommt, besucht erst einmal die
> Gedenkstätte Jad Vaschem, zeigt sich angemessen erschüttert, als
> hätte er bis dahin nichts vom Holocaust gehört, und schreibt ins
> Gästebuch: "So etwas darf nie wieder passieren!"

Die Politiker, die Jad Vaschem besuchen, sind dann umringt von einer großen
Zahl alter Mütterchen und alter Männer, vorsorglich hingekarrt wurden und
die dann krampfhaft auf Befehl ein paar Tränen zerdrücken müssen.

> Jeder israelische Politiker, der nach Deutschland kommt, fährt als
> erstes nach Dachau oder Buchenwald, zeigt sich angemessen
> erschüttert, als hätte er bis dahin nichts von den Nazis gehört, legt
> einen Kranz nieder und schreibt ins Gästebuch: "So etwas darf nie
> wieder passieren!" Egal ob Jerusalem oder Berlin, hinterher geht man
> miteinander essen und schließt Verträge über wissenschaftliche und
> wirtschaftliche Zusammenarbeit ab. Business as usual.

... und verhandelt und feilscht um neue Zahlungen aus Deutschland.

Anna
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